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Die Tragödie

Das Schlafmittel Contergan von Grünenthal verursachte die größte Tragödie der deutschen Pharmageschichte. Ende der 1950er-Jahre kamen in der Bundesrepublik Deutschland etwa 5.000 Kinder mit Fehlbildungen zur Welt. Heute leben rund 2.800 Contergan-Betroffene in Deutschland.

Der in Contergan enthaltene Wirkstoff heißt Thalidomid. Er wurde 1954 von Grünenthal entwickelt und nach den damals üblichen Standards getestet. Konkrete gesetzliche Vorschriften zum Schutz der Patienten, wie sie heute gelten, gab es zum damaligen Zeitpunkt nicht. Vielmehr galt das Prinzip der Selbstüberwachung.

Ab 1957 war Contergan rezeptfrei auf dem Markt erhältlich. Der Wirkstoff Thalidomid zeichnete sich durch eine hohe beruhigende, den Schlaf fördernde, zum Selbstmord ungeeignete Wirkung aus. Er schien besonders gut verträglich zu sein und führte nicht zu Abhängigkeiten. Der Inhalt der Werbeanzeigen für das Produkt entsprach dem Stand des zum damaligen Zeitpunkt vorhandenen Wissens aller Experten.
"Ein Augenblick voll natürlicher Harmonie läßt uns wünschen, daß die Sekunde sich dehne. Doch zumeist bleibt es Augenblick und flüchtiger Wunsch, denn die Unruhe, dem Geiste einst dienstbar, beherrscht uns und treibt uns umher. Ruhe und Schlaf zu fördern vermag Contergan. Dieses gefahrlose Medikament belastet den Leber-stoffwechsel nicht, beeinflußt weder den Blutdruck noch den Kreislauf und wird auch von empfindlichen Patienten gut vertragen. Schlaf und Ruhe: Contergan, Contergan forte."

Zu Contergan wurden in den folgenden Jahren zwei verschiedene Nebenwirkungen gemeldet: Zum einen handelte es sich um Nervenreizungen an Händen und Füßen meist älterer Menschen (so genannte Polyneuritis). Die ersten Hinweise hierzu erhielt Grünenthal im Oktober 1959. Nach Prüfung und Verifizierung der Nebenwirkung änderte Grünenthal 1961 die Gebrauchsinformation und beantragte im Mai 1961 die Rezeptpflicht für Contergan.
Zum anderen äußerte der Hamburger Kinderarzt Dr. Widukind Lenz am 16. November 1961 seinen Verdacht, dass es einen Zusammenhang zwischen Fehlbildungen bei Ungeborenen und Thalidomid gäbe. Kurz danach äußerte auch der australische Gynäkologe Dr. William G. McBride diesen Verdacht. Grünenthal reagierte rasch und nahm das Medikament innerhalb von zwölf Tagen vom Markt.
Von den Nebenwirkungen der Polyneuritis auf die Fehlbildungen zu schließen war damals nicht möglich. Das bestätigte auch das Landgericht Aachen im späteren Strafverfahren.

Es dauerte noch weitere drei Jahre, ehe Wissenschaftler 1964 die Missbildungen auslösende Wirkung (so genannte Teratogenität) des Wirkstoffs Thalidomid in Tierversuchen an Neuseeländer Kaninchen nachweisen konnten.