Rede anlässlich Einweihung des Contergan-Denkmals

Rede von Dr. Harald F. Stock, Vorsitzender der Konzernleitung der Grünenthal Gruppe, anlässlich der Einweihung des Contergan-Denkmals auf Einladung der Stadt Stolberg am 31. August 2012 in Stolberg/Rheinland

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Bürgermeister, meine sehr verehrten Gäste – aber vor allem lieber Herr Igel!

Dass heute ein Vertreter Grünenthals die Gelegenheit bekommt, an diesem besonderen Tag zu diesem speziellen Anlass zu sprechen, wird mit Sicherheit kontrovers diskutiert werden. Für die Möglichkeit, heute zu sprechen, darf ich mich recht herzlich bedanken. Contergan ist und wird auch immer Teil unserer Firmengeschichte sein. Wir haben eine Verantwortung, der wir uns offen stellen.

Dieser Tag heute ist von Mut und Engagement geprägt.

Sie, lieber Herr Igel, sind mutig. Und Sie sind engagiert. Sie haben eben selbst geschildert, wie stark Sie davon geträumt und wie viel Sie daran gearbeitet haben, dass Sie – die Betroffenen – ein Symbol und einen Platz wider des Vergessens in unserer Gesellschaft erhalten. Ihren Wunsch kann ich persönlich sehr gut verstehen.

Dennoch konnten wir alle in den vergangenen Tagen in den Medien und durch Meinungsäußerungen von Beteiligten – und Unbeteiligten – erfahren, dass dieser Tag heute neben viel Zustimmung auch sehr kritische Reaktionen auslöste. Ich denke, Sie stimmen mir zu, es liegt in der speziellen Natur der Thematik, dass positive Intentionen aus anderen Motivationen heraus kritisiert werden.

Wir haben uns entschieden, Ihr Anliegen, Herr Igel, das auch ein Anliegen vieler Betroffener ist, zu unterstützen. Das Denkmal symbolisiert einen wichtigen Meilenstein einer Entwicklung. Es ist eine Entwicklung zu dauerhaftem Dialog, andauerndem aufeinander Zugehen, beginnendem Bemühen um Verstehen und – daraus folgend – zu gemeinsamem Handeln. Eine Entwicklung, die 2007 mit der Aufnahme von offiziellen und regelmäßigen Gesprächen von Vertretern unseres Unternehmens und Vertretern der Betroffenen ihren Anfang nahm. Im Laufe der vergangenen Jahre führte der intensivierte Dialog zu unserer Zustiftung von 50 Mio. Euro im Jahr 2009, zu Projekten im In- und Ausland, wie beispielsweise der belgischen Patientenkarte oder der vor ca. 1 Jahr begonnenen direkten Unterstützung von Härtefällen, deren Bedarf nicht über die Stiftung oder die Sozialträger gedeckt wird.

In vielen Gesprächen mit Betroffenen, aber auch zum Beispiel mit dem Ministerium  für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen – gerade in den vergangenen  Monaten – haben wir gelernt, dass wir unser tiefes Bedauern gegenüber den Betroffenen, insbesondere gegenüber ihren Müttern öffentlich deutlich machen müssen.

Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst und werden dieser auch in Zukunft in bedarfsorientierten Projekten und Initiativen nachkommen.

Dass ich hier heute stehen und einige Worte an Sie alle richten darf, ist trotzdem keine Selbstverständlichkeit.

Ihre Courage, lieber Herr Igel, auf Initiative von Herrn Bürgermeister Gatzweiler unsere Unterstützung anzunehmen – auch gegen den Widerstand von Betroffenenvertretern –, Ihre Bereitschaft uns heute zuzuhören, zeugt von Größe, denn Grünenthal ist das Unternehmen, in dem Contergan entwickelt und vermarktet wurde.

Im Namen Grünenthals mit seinen Gesellschafterinnen und Gesellschaftern und allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern möchte ich die Gelegenheit wahrnehmen, heute anlässlich dieser Stunde des Gedenkens unser großes Bedauern über die Folgen von Contergan und unser tiefes Mitgefühl für die Betroffenen, ihren Müttern und ihren Familien zum Ausdruck zu bringen. Wir sehen sowohl die körperlichen Beschwernisse als auch die emotionale Belastung, die die Betroffenen selbst, ihre Familien und besonders ihre Mütter aufgrund von Contergan erleiden mussten und auch heute täglich ertragen.

Das Leid mit Contergan ereignete sich vor 50 Jahren, in einer Welt, die völlig anders war als heute. Die internationale Wissenschaft, die pharmazeutische Industrie und auch Regierungen, Gesetzgeber und Verwaltungen haben sehr viel daraus lernen müssen. In der ganzen Welt hat es die Entwicklung von neuen Zulassungsverfahren und gesetzlichen Rahmenbedingungen beeinflusst, die zum Ziel haben, die Risiken neuer Medikamente für Patienten so weit wie möglich zu minimieren.

Grünenthal hat bei der Entwicklung von Contergan nach dem damaligen wissenschaftlichen Kenntnisstand gehandelt und allen Industriestandards für das Testen von neuen Medikamenten entsprochen zu haben, die in den 1950er und 1960er Jahren maßgeblich und anerkannt waren. Wir bedauern, dass durch die Tests, die wir und andere durchgeführt haben, das teratogene, also fruchtschädigende, Potenzial von Contergan nicht festgestellt werden konnte, bevor es eingeführt wurde.

Deshalb wurde es von vielen Frauen eingenommen, die keinen Grund hatten, sich vorzustellen, dass es ihren ungeborenen Kindern ernsthaft schaden könnte. Daher möchten wir uns heute an die Betroffenen und insbesondere an deren Mütter richten. Wir sehen, dass die Mütter eine große Last tragen.

Darüber hinaus bitten wir um Entschuldigung, dass wir fast 50 Jahre lang nicht den Weg zu Ihnen von Mensch zu Mensch gefunden haben. Stattdessen haben wir geschwiegen und das tut uns sehr leid.

Wir bitten Sie, unsere lange Sprachlosigkeit als Zeichen der stummen Erschütterung zu sehen, die Ihr Schicksal bei uns bewirkt hat. Wir haben gelernt, wie wichtig es ist, uns mit den Betroffenen auszutauschen und ihnen zuzuhören. Wir haben begonnen, gemeinsam mit den Betroffenen Projekte zu entwickeln und umzusetzen, um ihre Lebenssituation zu verbessern und auch in Notlagen unkompliziert und unbürokratisch zu unterstützen. Wir werden diesen Weg auch in Zukunft weitergehen.

Wir wünschten, das Contergan-Unglück wäre niemals geschehen. Es wird heute und in Zukunft ein bedeutender Teil unseres Denkens und Handelns sein.