Gerüchte um die Verbindung zwischen Thalidomid und dem Dritten Reich

Vor allem in Großbritannien wird von Aktivisten und von Medien in unregelmäßigen Abständen das Gerücht verbreitet, der Wirkstoff Thalidomid sei eine Entwicklung der Nazis, der von hochrangigen Funktionären des Regimes bei Grünenthal reproduziert worden sei.

Grünenthal wurde erst 1946 gegründet1, nach dem 2. Weltkrieg. Das Unternehmen hat Thalidomid 1954 erstmalig synthetisiert und im selben Jahr zum Patent angemeldet2. Für Behauptungen, dass Thalidomid bereits früher entwickelt wurde, gibt es keine Belege. Wissenschaftliche Publikationen weisen hingegen die Entwicklung von Thalidomid durch die Grünenthal-Forscher Kunz und Keller im Jahr 1954 nach.

Der kürzlich veröffentlichte Forschungsbericht 3 eines Historikers im Auftrag des Landes Nordrhein-Westfalens bewertet ebenfalls Spekulationen die besagen, dass der Conterganwirkstoff bereits im Zweiten Weltkrieg von NS-Chemikern als Gegenmittel für chemische Kampfstoffe entwickelt und an KZ-Häftlingen getestet worden sei, als „verschwörungstheoretische Behauptungen, ohne belastbare Belege“.

Grünenthal verurteilt die Gräueltaten des Nazi-Regimes auf das Schärfste und hat sich in der Vergangenheit  in Initiativen gegen Rechtsradikalismus  engagiert. Es ist allerdings richtig, dass bei Grünenthal - wie in vielen anderen deutschen Firmen auch - zu verschiedenen Zeiten Personen gearbeitet haben, die auch hohe Positionen  in der NSDAP innehatten.

1 Gründungsurkunde Grünenthal

2 Patentschrift Thalidomid

3 Vgl. Seiten 26&27 der NRW-Studie (Die Haltung des Landes Nordrhein-Westfalen zu Contergan und den Folgen -  Forschungsbericht der WWU Münster für das Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen (MGEPA NRW) )
http://www.mgepa.nrw.de/ministerium/presse/pressethemen/20160513_Contergan/Forschungbericht_Contergan_Langfassung_2016_05_02.pdf