Vermeintliche Entwicklung Thalidomids vor 1954

Bestehende Spekulationen rund um die Entdeckung von "K17"

Die Komplexität der Contergan-Tragödie führt immer wieder zu Fehlinterpretationen rund um die Entwicklung des Wirkstoffs Thalidomid.

Obwohl historische Originaldokumente eindeutig belegen1+2, dass die Grünenthal-Forscher Dr. Kunz und Dr. Keller den Wirkstoff Thalidomid im Jahr 1954 im Grünenthal-Labor entwickelt haben, existiert das Gerücht, dass Thalidomid bereits vor 1954 entwickelt wurde. Als vermeintlicher Beleg dafür wird unter anderem der Ursprung des Markennamens genannt.

Es ist zwar richtig, dass Grünenthal bereits im Jahr 1952 den Markennamen „Contergan“ registrierte, allerdings war dies eine der auch heute noch üblichen Vorratsregistrierungen, die Unternehmen tätigen. Der damals registrierte Markenname sollte einer Reihe von potentiellen Produkten dienen, wie Desinfektionsmitteln, konservierten Lebensmitteln oder Pflastern. Der Wirkstoff selbst wurde jedoch erst im Jahre 1954 entwickelt und, wie aus den Dokumenten zu entnehmen ist, in internen sowie auch in externen Kreisen „K17“ genannt. Erst im Jahre 1956 wurden dem Warenzeichen „Contergan“ bestimmte Produkte zugeordnet, die Thalidomid enthielten.

Das Thalidomid-Patent

Die während des Contergan-Prozesses in Alsdorf unter Eid getätigten Aussagen der Mitarbeiter Dr. Kunz und Dr. Keller sowie die Laborberichte weisen nach, dass Grünenthal den Wirkstoff erst 1954 entwickelt hat. Verschwörungstheoretiker behaupten, das Patent deute darauf hin, dass Thalidomid bereits in den 1940er Jahren an Menschen getestet worden sei. Das Patent enthält darüber jedoch keine Informationen.3

Grünenthals angebliche Verbindung zum dritten Reich

Ebenso wird immer wieder versucht, eine Verbindung zwischen der Entwicklung des Wirkstoffs Thalidomid und der Nazivergangenheit des damaligen Grünenthal-Forschungsleiters Dr. Mückter und des Beiratsmitglieds Dr. Otto Ambros herzustellen. Dr. Ambros konnte den Wirkstoff jedoch nicht in die Firma eingebracht haben, da er erst 1972, also mehr als zehn Jahre nach der Markteinführung des Produkts, seinen Posten bei Grünenthal antrat. Dr. Mückter forschte während des Zweiten Weltkriegs an einem Impfstoff gegen das Fleckfieber. Nach dem Zweiten Weltkrieg warf ihm ein polnisches Gericht Diebstahl von Laborzubehör aus einem Krakauer Forschungsinstitut vor. Anzeichen dafür, dass er den Wirkstoff in das Unternehmen einbrachte, gibt es keine. Auch ein 2016 erschienener Forschungsbericht der Universität Münster beschäftigte sich mit einer möglichen Verbindung zwischen Thalidomid und dem dritten Reich sowie der Glaubwürdigkeit der aufgestellten Theorien. Der Historiker kommt zu dem Schluss, dass es sich hierbei um „spekulative Verschwörungsbehauptungen ohne jegliche Beweiskraft“5 handelt (Link zur Doktorarbeit).

 

Sources

Veröffentlicht seit:  03.04.2018